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aus:
Stimmen des Ungewissen
Kapitel
9
Links
oben schaue ich aus dem Fenster, von meiner Schulbank aus links hinten,
links oben im Pestalozzirealgymnasium, schaue nicht nach vorn zum Professor,
nicht nach rechts hinten, wo Samek nicht mehr sitzt, seit man ihm die Hose
hat ausziehen wollen, um zu sehen, ob er beschnitten sei, und ich stand
stumm und fassungslos in der Ecke und schaute lieber links hinaus aus dem
Fenster - HINAUS MIT SAMEK - HINAUS MIT DEN JUDEN - und schaue von links
oben hinunter über die niedrigen Häuser weg und über die
Mur aufs andere Ufer: dort brennt es, dort haben sie ihnen den Tempel angezündet
an diesem dunklen Tag, und nun zündelt es heraus und züngelt,
und es sieht hübsch aus aus der Ferne von meinem Platz aus links oben,
wie die Flämmchen herauskommen, schön sieht sie aus, die Kuppel
der Synagoge im Schmuck der Flammen - UND DER VORHANG DES TEMPELS FLOG
ALS ASCHE EMPOR - EINE ASCHENSÄULE WANDELTE VOR DEM AUSZUG DER JUDEN
SEIT DIESEM DUNKLEN TAG IM NOVEMBER -, und die Feuerwehr sicherte die Umgebung
ab mit ihren Schlauchzügen und Spritzenkomandos, und Stille herrschte,
man konnte ruhen im Bilde - den Rotziegelbau einstürzen sehen und
sehn, wie die Leute, die da herumstanden, kaum wegzutreiben waren aus der
Zone ihrer Gefährdung -, so animiert einen eben das Feuer, überhaupt
wenn es hervorbricht aus Synagogen oder aus dem Volksempfinden, dem immer
gesunden: Ich seh es bis zu mir nach links oben im Klassenzimmer der Schule,
in der man Latein lernt und alte Geschichte und neue so schön unterm
Fenster hat und auf dem Heimweg ganz nah vor sich dann an der Radetzkibrücke,
wo gerade ein Lastauto im Schrittempo inmitten einer Meute, Menge Masse
von Menschen, Massenmenschen, Menschenmeute, einer Menge aus lauter Volksempfinden,
dem jetzt gerade besonders gesunden, ein offenes Lastauto vorüberfährt,
eine fahrbare Bühne, auf der Gerechtigkeit gespielt wird, gut gespielt,
sehr anschaulich, Gerechtigkeit nach dem allergesündesten Volksempfinden,
so daß es die Herzen höher schlagen läßt, wo auf
der Bühne gezeigt wird, wie der alte Rabbiner von der neuen Geschichte
am Bart gezogen wird, angespuckt wird mit Hohn und Schimpf - JUDAS, VERRECKE
und DEM JUDEN SEIN GELD STINKT - und Spott und arischer Ironie moralisch
hingerichtet wird, bevor es physisch dazu kommen wird aus kaltem Kalkül,
wo niemand mehr wird verrecken müssen, sondern im Rahmen der Endlösung
lediglich in Duschräume geführt werden wird, das hat noch Zeit
- Eibeschütz freilich, der kleine Jude rechts unten in unserem Haus
Am Damm 4, Eibeschütz freilich hat schon eine Vorprobe erlebt, denn
als ich ihn mehrere Wochen nach dem Feuerwehreinsatz traf auf der Straße
und ihn grüßte wie immer, blieb er stehen und blickte sich um
und sagte zu mir, er sei gerade zurück von der Kur, er müsse
sagen, er habe immer zu essen und zu trinken bekommen - und neue Zähne
habe er nun auch: Da war ich vierzehn und hab es begriffen (aber was sollte
ich machen), froh war ich, als ich dann hörte, er sei mit seiner Frau
und Arthur, dem vierzehnjährigen Sohn, mit dem ich vor unserer Schulzeit
manchmal gespielt hatte, nach Schanghai ausgewandert, bevor es zu den letzten
Kurkonzerten gekommen ist.
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aus:
Atemwaage
Seite 79
Manchmal
wußten wir nicht aus noch ein angesichts der Aufgaben der Zeit. Zu
welchem Behufe studierte ich? Willi wollte vielleicht Schauspieler werden.
Wie findet man seinen Platz?
Da war es schon mehr als erstaunlich, wurde
einem einer angewiesen unvorahnbar und so selbstverständlich zugleich,
daß man erst garnichts begriff und weiterging, wenn der Boden einen
auch kaum noch trug oder die eigenen Schwereverhältnisse sich unversehens
geändert hatten innerhalb weniger Minuten, und das im Hinterzimmer
der Gastwirtschaft unten in meinem Geburts- und Wohnhaus: Wieder einmal
spät war ich aufgestanden, so stieg ich gegen Mittag erst hinab die
sechs elfstufigen Staffeln vom dritten Stock ins Parterre, da öffnete
sich einen Spaltbreit wie sonst erst wenn ich heimkam, die Tür der
Wirtschaft der böhmischen Wirtin: Hat Herr Rudi schon Zeitung gelesen?
- Nein, noch nicht, antwortete ich auf die halblaute Frage der Frau, die
dastand leicht vorgebeugt und mit dem Ausdruck einer Mutter, die eine
Überraschung in einer Hand versteckt hat und nun gleich beide dem Kind
mit dem Rücken nach oben entgegenhalten wird zum Drauftippen mit dem
Zeigefinger. Sie zog mich förmlich hinter sich her durch die Tür in das
Gemach, dem die halbgeschlossenen Jalousien fast den Charaktesr vornehmer
Reserviertheit verliehen, und legte mir ein aufgeschlagenes Blatt vor die Augen, in
der Mitte das Bild einer Rose und darunter ein Gedicht, und das Gedicht war von
mir. Ich überflog die Zeilen eher erschrocken als nur staunend. Die Wirtin
sagte: Herr Rudi, besser so in Zeitung stehen als als Verbrecher.
Montags darauf, am späten Vormittag, klopfte ich an die Tür der
Feuilleton-Redaktion der Neuen Steirischen Zeitung im Hause Leykam in der
Stempfergasse. Wie überrascht war ich, als ich in dem
Weißlangmähnigen, der mich eintreten geheißen hatte, den
Philosophen aus dem Schloßberghöhlengleichnis wiedererkannte!
Da saß ich ihm nun gegenüber, Hans Hellmer, einem alten Freund
meines Vaters, von dem er auch das Manuskript meiner Vox humana bekommen
hatte, und Hans Hellmer wurde nun der Platzanweiser vorerst mir für sieben
fette und auch dürre Jahre, beides zugleich, und die Freundschaft dieses
großen alten Mannes erfüllte mich mit Kraft und Mut: am 23. Juli sollten
meine Werke im Kammermusiksaal uraufgeführt werden zusammen mit zwei
Violinsonaten und einem Streichquartettsatz des ebenso jungen Komponisten Rudolf
Weishappel. Als erstes mußte der Gesamttext meines Programms der
Zensurbehörde der Besatzungsmacht vorgelegt werden. Dann begannen wir mit
den Proben und legten die Reihenfolge fest (mit dem jungen Schauspieler Willy
Püngel als Rezitator und meinen Freund Walter Klasinc als Geiger).
Seite 83
Jeder
hatte seinen besten Anzug an und steifen Kragen und Krawatte, alle dünn
und lang und nervös. Und dann füllte sich der Saal. Ja, er füllte
sich. Im Parkett füllten sich die Reihen. Tatsächlich. Zu uns
zwei unbekannten Autoren, dem der Noten und dem der Buchstaben, kamen sie;
und alsbald spendeten sie Beifall, immer wieder, und zum Schluß bestätigenden,
sich steigernden. Wir waren benommen von dem Geschehen. Nebeneinander standen
wir vor dem Podium, Weishappel und ich, und immer, wenn einer von uns in
seiner Verbeugung unten war, war der andere oben. Und Leute kamen auf uns
zu und schüttelten uns die Hände. Und da war der einbeinige Bäcker
aus der Sackstraße und seine mädchenhafte Frau, und er auf den
Krücken überreichte mir einen Füllfederhalter, und nachher
erfuhr ich erst was für einen kostbaren, und das in jenen Tagen der
bittersten Not; und ich hatte es sofort begriffen und habe ihn heilig gehalten
bis heute, diesen goldenen Mahner SCHREIB WEITER.
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aus:
La ville imaginaire
Die
Gasse der Seiltänzer
Der
Seiltänzer bedarf keiner gepflasterten Straße:
er
spannt seine Wege quer durch die Luft.
Es
sieht hübsch aus und gar nicht so aufregend, wie man
wohl
meint, wenn zwischen zwei sechsten Etagen ganze
Familien
einander seiltanzend besuchen -
mit
Blumen im Arm und Kuchenpaketen
auf
flach gespreiteten Händen - sie halten
Balance
damit - auch mit Büchern oder
mit
Vasen, sogar mit Hunden und Katzen,
und
mancher mit nichts als dem Blick hinunter
zu
fremden Passanten, deren
Bewunderung
Halt gibt.
Die
Gasse der Posaunisten
In
der Gasse der Posaunisten
hat
jeder eine ganz unerschütterlich feste
Überzeugung
von sich und der Welt.
Jeder
bläst, und keiner hört zu.
Die
Gasse der Haarkünstler
In
der Gasse der Haarkünstler und Verschönerungsinstitute
herrscht
bis spät abends Gedränge. Ohrenbetäubendes
Scherengeklapper,
das Wirbeln von Brennscheren, der
Duft
der Pomaden, Sprays, Cremes und Parfums
macht
jeden Passanten benommen und gibt ihm den
Wunsch
ein, auch schön und feingerüchig zu werden.
So
sitzt man bald unter den wartenden Kunden und
blättert
in Illustrierten voll illusionistischer Bilder,
beseelt
von der Hoffnung, sie verblassen zu lassen vor sich.
Sich
selber zu gleichen fällt ja selbst denen sehr schwer,
die
mit Verachtung an diesen Salons vorbeigehn.
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aus:
Vox humana
Magnolie
Komm
abends in den österlichen Garten,
sieh
blühend die Magnolie stehn,
ihr
Rosa ist noch ungewiß, wie ein Erwarten,
durch
das errötend ängstliche Gedanken gehn.
Fast
meinst du, leise unter sie getreten,
es
sei ein Flug von Vögeln, seltsam scheu und leicht,
der
schwirrend auffliegt und an Beeten
fern
und unerkannt vorüberstreicht.
Was,
Knospe, birgt dein Eng-Umschlossensein?
Öffnest
du dich erst, wenn niemand daran denkt,
und
läßt die Sterne steigen, bis sie klein
um
unser Fragen kreisen, frei und doch gelenkt?
Ahnung
des Todes
Es
kommt der Abend, und ein stilles Roß an meiner Tür ...
Es
sieht mich an, sein Huf aus dunklem Erze scharrt,
es
nimmt mit weichem Maule Knospen von den Zweigen,
es
trinkt vom Wasser meiner Brunnen, meiner Tröge,
es
wartet wohl auf einen, der es nun bestiege ...
Ich
habe Furcht vor ihm. Es sieht mich immer an.
Und
doch, ich möchte es besitzen, mir ist, es trug mich gut,
durch
einen langen Schlaf zog es mit mir.
Es
kommt der Abend, und ein stummer Hund an meiner Tür ...
Er
sieht mich an, sein Schweif aus dunklem Haar erbebt,
er
nimmt aus meiner Hand getreu von meinem Brot,
er
trinkt vom Wasser meiner Quellen, meiner Brunnen,
er
wartet wohl auf einen, der ihn nun beriefe ...
Ich
habe Furcht vor ihm. Er sieht mich immer an.
Und
doch, ich möchte ihn besitzen, mir ist, er weiß den Weg,
durch
eine lange Nacht weiß er den Weg.
Es
kommt der Abend, und ein fremder Mann an meiner Tür ...
Er
sieht mich an, sein Haupt voll dunklem Blick ist schön,
er
nimmt mit stummem Dank von meinem Salz, von meinem Brot,
er
trinkt aus meinem Kelch vom Weine meiner Keltern,
er
wartet wohl auf einen, der mit ihm die Nacht durchschritte ...
Ich
habe Furcht vor ihm. Er sieht mich immer an.
Und
doch, ich möchte meine Hände in den Schoß ihm falten.
Über
ein dunkles Reich ist er der Herr.
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Leseprobe Diplomarbeit (Magisterarbeit)
Zusammenfassung
Seite 7
Da bisher keine
Gesamtdarstellung zu Rudolf Stibill existiert, soll diese Arbeit einen ersten
Aufbereitungsversuch zu Leben und Werk des Grazer Lyrikers bieten. Zahlreiche
Zeitungsartikel, die zwischen 1945 und 1955 über Stibill erschienen sind, einige
wissenschaftliche Aufsätze und Rezensionen zu einzelnen Gedichtbänden,
einige Manuskripte zu bisher unveröffentlichten Texten des Autors sowie Typoskripte,
die im ORF Landesstudio Steiermark archiviert sind, bilden die Grundlage für diese
Untersuchungen. Besonders wertvoll waren die ausführlichen Gespräche,
für die sich Rudolf Stibill im April und im September 1992 zur Verfügung
stellte.
I. Biographischer Teil
I.1. Kindheit und Jugend in Graz
Rudolf
Stibill wurde am 30. Juli 1924 in Graz geboren. Er wuchs am Grazer Lendplatz auf, in einer Zeit,
in der die gesellschaftlichen Gegensätze noch an den einzelnen Stadtvierteln auf krasse
Weise abzulesen waren. Der Lendplatz gehörte zu den ärmlicheren, zugleich aber
auch bunteren Stadtvierteln von Graz. Stibills Geburtshaus, das heute noch zu besichtigen ist,
steht Am Damm 4, einer kleinen Seitengasse, die unmittelbar in den Lendplatz mündet.
Rudolf Stibills Mutter, Maria Stibill, 1893 in Cilli geboren und in dem kleinen slowenischen Dorf
Studenice, das damals noch zur Untersteiermark gehörte, aufgewachsen, kam mit ihrer Familie
im Jahr 1911 nach Graz.
Was Stibill in seiner Kindheit noch als Überreste des ehemaligen Wohlstandes der
slowenischen Herrschaftsfamilie erlebte, waren vor allem Gegenstände in der Wohnung, in der
er aufwuchs; Dinge wie Silberbesteck, edles Geschirr und Möbelstücke, die zu vornehm
für die ärmlichen, kleinen Räumlichkeiten waren. Vor allem der Flügel, auf
dem das Kind Stibill musizieren lernte, füllte einen großen Teil der Wohnung aus, die aus
einem Zimmer und einer Küche bestand. Auf Stibills intensive Beziehung zur Musik weisen
später Gedichte hin, Freundschaften zu Musikern oder eine Würdigung Franz Schuberts,
die er anläßlich von dessen 150. Geburtstag am 31. Jänner 1947 in der "Neuen Zeit"
schreibt.
Im gemeinsamen Haushalt mit Mutter und Kind lebten noch Stibills Großmutter und deren
jüngere Tochter Hilda, die für Stibill eher eine ältere Schwester als Tante war.
Stibills Mutter war die einzige in der Familie, die Arbeit hatte, und mußte deshalb für
den allgemeinen Unterhalt aufkommen.
Die wirtschaftliche Lage war eines der wenigen Merkmale, das die Familie Stibill mit der
Bevölkerung des Lendplatzes verband. In ihrem Auftreten und in ihrer Sprache, die hochdeutsch
war, unterschieden sie sich von den Menschen ihrer Umgebung...
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